Walliser Aprikose

Das Wallis produziert den grössten Teil der Schweizer Aprikosen, in der Rhoneebene und an den Hängen, rund um Saxon, Martigny, Nendaz und Sitten. Die Ernte dauert von Ende Juni bis Anfang September; berühmt gemacht hat die Walliser Aprikose der Luizet, eine alte Sorte.
In einer Frühlingsnacht heult im Tal eine Sirene: Der Frost bedroht die blühenden Aprikosenbäume. Bis in die 1980er-Jahre, erzählt das Kulinarische Erbe der Schweiz, wurde im Wallis so Alarm geschlagen. Heute hat die Sirene einem persönlichen Pager Platz gemacht, der nicht mehr das ganze Dorf aus dem Bett holt.
Herkunft
Laut der Interprofession des fruits et légumes du Valais, der Walliser Branchenorganisation für Obst und Gemüse, soll der Aprikosenbaum in der Mandschurei domestiziert worden sein. Seine erste Spur im Wallis reicht ins Jahr 1812 zurück, an die Hänge von Sitten und Nendaz, wo vergessene Sorten wie Bourbon wuchsen. Der 1838 bei Lyon gezüchtete Luizet gelangt um 1875 nach Saxon. Zur selben Zeit macht die 1870 begonnene Eindämmung der Rhone eine Ebene frei, die sich für Obstbäume eignet. 1926 zählt das Wallis fast 88’000 Aprikosenbäume, zu 85 % Luizet.
Anbau
Der Aprikosenbaum meidet die sonnigste Talseite: Am rechten Ufer würde er zu früh blühen und mit Sicherheit erfrieren. Man pflanzt ihn deshalb in der Ebene und am gegenüberliegenden, nach Norden ausgerichteten Hang, wo er später blüht. Die Hälfte der Obstanlagen zieht sich stufenweise von Chalais bis Bovernier, teils bis über 1000 m hinauf; die andere Hälfte erstreckt sich von Leuk bis Vernayaz. Sitten, Martigny, Nendaz und Saxon haben die grössten Flächen. Der empfindliche Luizet verträgt den Transport schlecht: Ab 1990 helfen Bund und Kanton, die Hälfte davon zu ersetzen. Dank rund 80 Sorten dauert die Ernte von Ende Juni bis Anfang September, zu vier Fünfteln zwischen Anfang Juli und Mitte August.
Auf dem Tisch
Der Luizet hat eine gelborange, auf der Sonnenseite gerötete Haut und ein sehr saftiges Fruchtfleisch. Man isst die Aprikose so, wie sie ist, oder macht daraus Wähen, Konfitüre, Glace, Sorbets und Konserven; tiefgekühlt lässt sie sich für später aufbewahren. Aus dieser Frucht, zu mindestens 90 % Luizet, wird auch die Abricotine AOP destilliert, vollständig im Wallis.
Heute
Laut der Branchenorganisation vereint der Kanton 96 % der Aprikosenflächen des Landes: 688 Hektaren im Jahr 2022, rund 136 Produzenten und eine Ernte von durchschnittlich 7600 Tonnen. Im August 1953 protestieren in Saxon rund 4000 Demonstranten gegen die Flut italienischer Aprikosen, die den Verkauf der einheimischen Früchte blockiert; die Menge verwüstet Eisenbahnwagen und unterbricht die Simplonlinie. Seither werden die Importe zu Beginn der Saison gedrosselt und gestoppt, solange die Schweizer Ernte ausreicht.
Quellen: Kulinarisches Erbe der Schweiz, Eintrag «Abricotine (AOP), abricots du Valais»; Interprofession des fruits et légumes du Valais, Seite «Fruits du Valais»; Schweizerische Vereinigung der AOP-IGP, Produktblatt «Abricotine AOP».
